Über Helle Horizonte

Treffe ich das Sich-Bedingen und Sich-Durchdringen von Realität und Utopie beim Beitrag von Thorsten Fuchs wieder? Ich behaupte, ja. Sehr handfest ist die Kamera als stete Begleiterin jedes Fotografen. Geradezu widerständig können sich auch die Weltgegenden erweisen, in denen er auf Motivsuche ist. Der Wald im Dunkeln streckt einem Wurzeln hin, über die man stolpert. Geht man unvorsichtig nahe an den Fluß heran, rutscht man im Uferschlick aus. Eine Bildserie des bei seiner freien Arbeit bevorzugt in Serien arbeitenden Künstlers – die allerdings nicht Teil dieser Ausstellung ist – befaßt sich gar mit Mauern, die sich vom linken zum rechten Rand des farbfotografischen Formats ziehen und den Zugang, ja sogar den Blick auf das eigentliche Motiv dahinter versperren. Querformate übrigens, wie alles, was Fuchs hier an die Wände gebracht hat. Mit Querformaten assoziiert man traditionell das Thema Landschaft. Was die Auswahl bestätigt. Landschaft freilich, aus der alles Widerständige wie abgesaugt ist. Weil der Herr der Kamera sein Instrument entgegen den Regeln des Lehrbuchs eingesetzt hat. Bald hat er mit der Hand, bei längerer Belichtungszeit, einen kurvigen Schwenk vollführt – für die Flußufer-Aufnahmen zum Beispiel, wo Sand, Wasser, ein Fetzen jenseitiges Ufer und viel, viel Himmel wie sämig-flüssig geworden und leicht ineinander verquirlt wirken. Bald hat er sein Motiv aus einer Position aufgenommen, die selber in Bewegung war – vom Schiff aus zum Beispiel, das ihn durch die Bucht von Miami, Florida, mit ihren zart gekämmten Wellen trug, mit dem Resultat, daß die verwischte Skyline der Stadt ihr Lokalspezifisches abstreift und stellvertretend wird für tausend andere Metropolen rings um den Globus. Nicht von ungefähr ist jede klare Horizontlinie, jede zentralperspektivische Flucht einem weichen Flächengewebe gewichen, als hätten wir’s zu tun mit abstrakter Malerei.

Es herrscht eine unbestimmte helligkeitsgesättigte Weite, vor der man automatisch die Augen zusammenkneift, ein wabern-des Fluidum, welches einlädt, darin zu versinken, bis die Zeit zum Stillstand kommt.

Die Unschärfe, der lichtvolle Dunst, mal mehr in Blau-, mal mehr in Gelb-, mal mehr in Rosatönen, der Dunst, in den sich, wohlge-merkt ohne daß man je direkt die Sonne sieht, alles Feste auflöst, er ist nicht auf meßbare Distanz angelegt. Es herrscht eine unbestimmte helligkeitsgesättigte Weite, vor der man automatisch die Augen zusammenkneift, ein wabern-des Fluidum, welches einlädt, darin zu versinken, bis die Zeit zum Stillstand kommt. Orte außerhalb der Zeit ebenso wie des kartographisch definierbaren Raums, darin besteht das Utopische bei Thorsten Fuchs. Ich zitiere einen kurzen Passus aus dem „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch, als Philosoph bekanntlich der Spezialist für Utopien jeglichen Schlages. Was er über das Gemälde „Einschiffung nach Kythera“ des französischen Rokoko-Malers Antoine Watteau schreibt, läßt sich übertragen auf diesen zeitgenössischen Typus Fotografie: „So sanft ist diese Nähe, aber zur Ferne gehört, daß sie un-ruhig verhüllt ist. Daß sie den suchenden Blick an sich bindet, daß sie gerade als verschleierte die Menschen lockt.“ Dreihundert Jahre nach Watteau brei-ten sich jede Realität ins Unwirkliche weichzeichnenden Utopien nicht mehr auf Leinwand, sondern auf Aludibond aus. Und wer statt zum Pinsel zur Kamera greift, wird vermutlich, wie Thorsten Fuchs bei bestimmten seiner Se-rien, auch jene Möglichkeiten nicht verschmähen, welche die digitale Über-arbeitung einer Aufnahme per Fotoshop ihm eröffnet.